Bert Wollersheim

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"Beruf und Qualifikation in der Zukunft" (Rezension)

Der Bevölkerungsrückgang in Deutschland ist konkret. Ein daraus resultierender, zukünftiger Facharbeitermangel ist zunächst Spekulation. Denn auch der Arbeitskräftebedarf der Wirtschaft geht zurück.

Die derzeit von Arbeitgebern und ihren Verbänden medienwirksam beklagten Engpässe bei der Besetzung von qualifizierten Arbeitsplätzen in Deutschland resultieren nicht aus dem Bevölkerungsrückgang. Ihre Ursachen liegen in der Verantwortung der Betriebe, und reichen von unzureichender Personalplanung, versäumter Nachwuchsausbildung, schlechten Arbeitsbedingungen bis hin zu eklatanten Mängeln bei der Personalrekrutierung.

Ob sich der Bevölkerungsrückgang in Zukunft tatsächlich auf Angebot und Nachfrage nach Fachkräften auswirkt, welche Berufe, oder welche Qualifikationen eventuell betroffen sein könnten, das ist Gegenstand von Forschungsarbeiten des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), der Gesellschaft für wirtschaftliche Strukturforschung und dem Fraunhofer - Institut für Informationstechnologie(FIT).

In dem von Robert Helmrich und Gerd Zika nun herausgegebenen Reader: "Beruf und Qualifikation in der Zukunft" stellen BIBB und IAB Modellrechnungen der genannten Institute über zukünftige Entwicklungen des Arbeitskräftebedarfs und des Arbeitskräfte-angebotes vor.

Dabei handelt es sich um Qualifikations- und Berufshauptfeldprojektionen bis zum Jahre 2025.

In den verschiedenen Modellrechnungen operieren die Forscher mit Annahmen, wie z.B ein Renteneintrittsalter von 67 Jahren und einem weniger stark steigenden Anteil der Höherqualifizierten an der Gesamtbevölkerung. Sie kommen zu teilweise unterschiedlichen Voraussagen bei ihren Bedarfs- und Angebotsprognosen.

Übereinstimmend wird eine rückläufige Nachfrage nach gering qualifizierten Arbeitnehmern erwartet. Auf der mittleren Qualifikationsebene könnten Engpässe entstehen, weil aufgrund der demografischen Entwicklung und einem angenommenen Trend zur Höherqualifizierung das Angebot an Arbeitskräften sinkt. Die Autoren lassen offen, ob durch Produktivitätssteigerungen insbesondere im verarbeitenden Gewerbe ein Ausgleich erzielbar ist.

Über den künftigen Arbeitsmarkt für Hochqualifizierte zeichnen die Forschungsinstitute aufgrund unterschiedlicher Annahmen in ihren Prognosen abweichende Szenarien. Während die Projektion des BIBB einen für Unternehmen angespannten Arbeitsmarkt erwartet, der sie zu Anpassungen im Produktionsprozess veranlassen wird, zeichnet die FIT-Projektion ein Überangebot an Hochschulqualifizierten.

Das IAB beschäftigt sich in einem Beitrag auch mit der Sektoralen Entwicklung bis 2025 und prognostiziert einen Rückgang bei der Nachfrage von Arbeitskräften in der Land- und Forstwirtschaft um rund 0,2 Millionen, im Baugewerbe um 0,3 Millionen, in der Öffentlichen Verwaltung, Verteidigung und Sozialversicherung (Beschäftigungsabbau um rund 0,3 Millionen), im Kredit- und Versicherungsgewerbe um 0,1 Millionen sowie im Handel und im Bereich Instandhaltung/Instandsetzung um rund 0,5 Millionen. Auch das verarbeitende Gewerbe wird nach IAB - Berechnungen bis 2025 weniger Fachkräfte nachfragen. Der Stellenabbau wird auf rund 0,9 Millionen prognostiziert. Beschäftigungszuwächse, also einen steigenden Bedarf an Fachkräften sieht das IAB im Gesundheits- und Sozialwesen, sowie bei unternehmensbezogenen Dienstleistungen.

Die an der Veröffentlichung beteiligten Autoren sind sich dessen bewusst, dass sich ihre Projektionen nicht exakt realisieren. In ihren "Methodischen Anmerkungen" zu ihrem Kooperationsprojekt weisen sie darauf hin, dass durch Umstellungen von Produktionsprozessen und/oder der Ausweitung des Arbeitszeitvolumens entsprechende Reaktionen erfolgen werden. Sie gehen sogar soweit zu behaupten: "Im Ergebnis aber wird der Bedarf niemals höher als das Angebot sein". http://www.bibb.de/dokumente/pdf/Projektion_Methoden_201004x.pdf (gefunden 08.11.2010)

Das Buch kann einen nützlichen Beitrag in der Diskussion über das Thema Fachkräftemangel in Deutschland leisten. Möglicherweise deckt es auf, dass die aus dem Arbeitgeberlager lancierte Diskussion um einen möglichen Fachkräftemangel im Grunde auf Akzeptanz für arbeitsmarktpolitische Veränderungen abzielt.

Robert Helmrich, Gerd Zika (Herausgeber) "Beruf und Qualifikation in der Zukunft"; Bertelsmann Verlag; Bielefeld 2010 ISBN 978-3-7639-1137-0