Fachjournal |
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Jeder hat das "Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen" * Eine Reportage von Bert Wollersheim
Linda** ist jetzt zwanzig. Ihren Geburtstag hat die ehemalige Realschülerin in aller Stille mit ein paar Freunden verbracht. "Feiern", sagt sie, "kann man das nicht nennen". Dazu sei ihr nicht zumute, das müsse man doch verstehen. |
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Im nunmehr dritten Sommer sucht Linda einen Ausbildungsplatz. Ihre Bewerbungen füllen inzwischen einen Aktenordner. "Das ist durchaus nicht ungewöhnlich" kommentieren Fachleute die Situation der jungen Frau. "So wie Linda geht es vielen Jugendlichen in Ostfriesland. Es fehlen einfach genügend Ausbildungsplätze." Wenn die Statistik der für die Region zuständigen Arbeitsagentur Emden stimmt, dann kommen im laufenden Berichtsjahr 2006 auf die bisher gemeldeten Ausbildungsstellen fast doppelt so viele Bewerber. Seit 1985 geht das Angebot an Ausbildungsplätzen gravierend zurück. Für 2005 betrug die Zahl der im Bezirk der Arbeitsagentur Emden tatsächlich abgeschlossenen Ausbildungsverträge nur noch 2330. Das ist mehr als ein Drittel weniger als zwanzig Jahre zuvor. Am stärksten ist der Abbau von Ausbildungsplätzen bei Behörden und Verwaltungen im Öffentlichen Dienst. Handwerk, Industrie und Handel folgen. Mit diesem Verlust an Ausbildungsplätzen liegt die Region der Arbeitsagentur Emden im Trend der westdeutschen Bundesländer. Über die Gründe des Ausbildungsplatzverlustest wird bisher nur spekuliert. Während vielfach der Strukturwandel der Wirtschaft auch für den Ausbildungsplatzverlust verantwortlich gemacht wird, weist zum Beispiel der Internetdienst www.berufswahlnavigator.de in einem Beitrag: "Ausbildungslatzverluste durch Arbeitszeitverlängerung?" auch auf politisch motivierten Arbeitsplatzabbau bei Behörden und Verwaltungen im Öffentlichen Dienst hin. So ist Linda von ihrem Wunschberuf Verwaltungsfachangestellte auch schon längst abgerückt. Und nicht ohne Vorwurf stellt sie die Frage nach dem Sinn der ihr durch Schule und Berufsberatung vermittelten Berufswahlstrategie. Danach sollten die individuellen Interessen und Fähigkeiten die Basis für eine Berufsentscheidung sein. Die in den Schulen eingesetzten Lernprogramme wie zum Beispiel das von der Arbeitsverwaltung kostenlos an die Schulen in Deutschland gelieferte "machs`s richtig", orientieren ebenso auf diese Berufswahlstrategie, wie der gesamte berufsorientierende Unterricht von Schule und Berufsberatung. Linda entsprach mit ihrem so genannten Bewerberprofil dem Anforderungsprofil des Berufes der Verwaltungsfachangestellten. Aber auch mit Hilfe der Berufsberatung war der Realschülerin trotz guter Noten kein Ausbildungsplatz zu vermitteln. Scheinbar gibt es andere Mechanismen, nach denen Ausbildungschancen vergeben werden. Qualifikationen oder Warteschleifen? Linda qualifizierte sich für das Folgejahr über die einjährige Berufsfachschule Wirtschaft und erweiterte ihre Berufswünsche um die Ausbildungsberufe Bürokauffrau, Kauffrau im Groß- und Außenhandel und IT- Systemkauffrau. Sie absolvierte in den Schulferien mehrere Praktika in Eigenregie; unentgeltlich versteht sich. Sie machte sich Hoffnungen. Vergeblich schrieb sie Bewerbungen und führte Vorstellungsgespräche, bis ihr eine Großhandelskette ein EQJ anbot. Linda sagte zu, "was hätte ich denn sonst machen sollen". "Eine Chance" heißt es in Fachkreisen, die jungen Leute können sich in den Betrieben beweisen und Ausbildungschancen entwickeln". "Das EQJ-Programm wurde von der Bundesregierung als Beitrag zum Ausbildungspakt zugesagt. Es startete am 1. Oktober 2004. Als Brücke in die Berufsausbildung wird seitdem die Teilnahme an einer sechs- bis zwölfmonatigen betrieblichen Einstiegsqualifizierung gefördert. Zielgruppe sind junge Ausbildungsbewerber mit eingeschränkten Vermittlungsperspektiven... Das Angebot soll insbesondere Jugendlichen helfen, die auch nach der gemeinsam von den Kammern und den Arbeitsagenturen durchgeführten Nachvermittlungsaktion keine Ausbildungsstelle finden konnten." So formuliert es der Bundesminister für Wirtschaft und Technologie recht optimistisch auf seiner Homepage. Die Betriebe kostet das EQJ keinen Cent. 192,- € Taschengeld, sowie 102,- € Sozialversicherungsbeitrag zahlen die Arbeitsagenturen für jeden EQJ - Praktikanten; ein Jahr lang. "Leider", so die Berufsberaterin, "gibt es nach dem EQJ keine Garantie auf Übernahme in eine Ausbildung, so dass sich das EQJ für viele Jugendliche dann als Warteschleife entpuppt". Die Großhandelskette entschied sich nach Ablauf des EQJ anders und stellte eine Abiturientin ein. Linda nahm an diversen Ausbildungsplatzbörsen teil, die von Zeitungen, Krankenkassen, Radiosendern und Zeitungen alljährlich veranstaltet werden und als PR-Aktionen erfolgreich gewesen sein mögen, sich für die Bewerberin aber als nicht effektiv erwiesen. "Mir ist es inzwischen egal was für eine Ausbildung ich mache, Hauptsache überhaupt eine Ausbildung" sagt Linda", die nun, zwei Jahre nach ihrer Schulentlassung, ihren dritten Anlauf nimmt um endlich eine Berufsausbildung beginnen zu können. "Ich will auch meinen Eltern nicht länger auf der Tasche liegen". Linda hat Glück. Ihre Eltern unterstützen sie so gut sie können, aber allmählich kommen auch sie an ihre Grenzen. Das Geld in der Haushaltskasse ist knapp und zunehmend nerven die Fragen von Nachbarn und Verwandten. "Natürlich spüre ich den Druck. Jeder weiß doch, dass man eine gute Berufsausbildung braucht, um auf eigenen Füßen stehen zu können. Warum gibt es nicht genügend Ausbildungsstellen?" fragt die zwanzigjährige, die sich seit Kurzem in ihrer Freizeit im Kreisverband der WASG, der "Wahlalternative für soziale Gerechtigkeit" engagiert." Es muss sich politisch etwas ändern" sagt sie selbstbewusst. Sie sitzt wieder ihrer Berufsberaterin in der Agentur für Arbeit gegenüber, die sie im Spätherbst, nach der EQJ - Pleite, in eine berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme aufgenommen hat. Ziel einer berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme ist die "Verbesserung der beruflichen Handlungsfähigkeit sowie eine Erhöhung der Eingliederungschancen der Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Ausbildung und Arbeit..." So steht es in den einschlägigen Weisungen der Bundesagentur für Arbeit, die mit der Durchführung der Bildungsmaßnahme beauftragt ist. Die maximale Förderdauer beträgt 10 Monate. In dieser Zeit erhalten die Teilnehmer der Maßnahme eine Berufsausbildungsbeihilfe in Höhe von 192,- Euro von ihrer Arbeitsagentur. Im aktuellen Berichtsjahr 2006 betreuen die Arbeitsagenturen bundesweit mehr als 40.000 Jugendliche unter 25 Jahren in diesen Maßnahmen. Sie gelten statistisch dann als "versorgt", das heißt sie tauchen in der Statistik der ausbildungsplatzsuchenden Bewerber nicht mehr auf. Linda hat während der berufsvorbereitenden Maßnahme mehrere Praktika in Betrieben absolviert und neue Erfahrungen in verschiedenen Berufen gesammelt: Sie war drei Monate in einem Hotel um Hotelberufe hautnah mitzuerleben. Sie hat den Beruf der Bäckerin kennen gelernt. Dafür brauchte sie die Unterstützung der Eltern, die sie in den kalten Februartagen, frühmorgens um fünf mit dem PKW zum Betrieb brachten. Ein Bus fährt um diese Zeit noch nicht. Die mangelhafte Infrastruktur der Landregion entpuppt sich immer wieder als Hemmnis bei der Ausbildungsstellensuche. Der Countdown läuft und Linda bleibt noch ein Monat, um bis zum Ende der berufsvorbereitenden Maßnahme eine Ausbildung zu finden. Sie freundet sich derzeit mit dem Ausbildungsberuf Verkäuferin an, und arbeitet im Verkauf einer Lebensmittelkette. Ihr Traumjob sei das nicht, sagt sie. Sie ist pünktlich, freundlich und bleibt auch schon mal länger. Die Aussichten ständen gut, habe der Marktleiter gesagt. Es gibt dort auch eine Bushaltestelle. * Artikel 12 des Grundgesetzes der BRD ** Name aus Gründen des Personenschutzes geändert |
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