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© Bert Wollersheim Berufswahl in Zeiten der Krise Verkommt die Berufswahl zum Krisenmanagement? Berufswahl ist keine leichte Sache. Das merken Schulabgänger spätestens dann, wenn eine konkrete Berufsentscheidung realisiert werden soll, wenn also ein Ausbildungsbetrieb gefunden werden muss, bei dem der gewählte Ausbildungsberuf erlernt werden kann. Ernüchterung folgt der durch Elternhaus, Schule und Berufsberatung genährten Hoffnung auf eine erfolgreiche Umsetzung der mühsam an Interessen und Fähigkeiten orientierten Berufsentscheidung in Gestalt eines Ausbildungsplatzes. Immer mehr Jugendliche greifen letztendlich nach jeder angebotenen Ausbildungsstelle, auch wenn sie ihre Interessen und Fähigkeiten im Berufsbild des erreichbaren Ausbildungsangebotes oft nicht wieder finden. Im offiziellen Sprachgebrauch wird die Anpassung an die real existierende Berufswahlfreiheit als Flexibilität bezeichnet. Die Realität Dass jugendliche Berufswähler nicht - wie immer wieder in Veröffentlichungen behauptet - an ihren Wunschberufen kleben, sondern sich mit ihren Berufsentscheidungen am Ausbildungsangebot orientieren, ist durch Forschungsarbeiten von Karen Schober vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung schon vielfach belegt worden. Wie könnte es auch anders sein? Angesichts der seit Jahren sinkenden Aussichten auf einen Ausbildungsplatz, und der existenziellen Bedeutung beruflicher Qualifikation kann eine wachsende Zahl von Schulabgängern sich glücklich schätzen, überhaupt noch irgend eine Berufsausbildung zu bekommen. In den alten Bundesländern wurden 1985 noch rund 700.000 Ausbildungsverträge mit Berufsstartern abgeschlossen, im Jahre 2003 waren es wegen rückläufiger Ausbildungsbereitschaft der Wirtschaft nur noch knapp 435.000 Ausbildungsverträge, die mit Jugendlichen abgeschlossen wurden. (siehe Grafik) Die Bundesagentur für Arbeit (BA) parkt deshalb eine alljährlich wachsende Zahl von Schulabgängern die keinen Ausbildungsplatz gefunden haben in bildungspolitisch umstrittenen Maßnahmen. Im Berichtsmonat April 2004 zählte die BA mehr als 113.000 Teilnehmer in ihren in der ganzen Republik durchgeführten berufsvorbereitendenden Bildungsmaßnahmen. Im Statistikjahr 2004 registriert die BA einen weiteren Rückgang bei den gemeldeten betrieblichen Ausbildungsstellen, bei gleichzeitigem Anstieg der Zahl der gemeldeten Bewerber um betriebliche Ausbildungsplätze. Die Aussichten junger Menschen auf Integration in die Arbeitswelt als Voraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben schwinden immer mehr. Verkommt vor diesem Hintergrund die Berufswahl unserer Schulabgänger zum bloßen Krisenmanagement? Grafik: www.berufswahlnavigator.de Datenquelle: Berufsbildungsbericht
Zur Tauglichkeit heutiger Berufswahlstrategien Zum Thema Berufswahl wurde eine Vielzahl von Theorien entwickelt. Die traditionelle, staatlich organisierte Berufsberatung orientiert sich an der Annahme, dass jeder Mensch über besondere Merkmale verfügt, die zu einem bestimmten Berufsanforderungenprofil passen. Berufsorientierung von Schülern und Schülerinnen zielte deshalb stets darauf ab, die individuellen Interessen, Einstellungen und Fähigkeiten zu eruieren, und sie mit den Anforderungsprofilen der Berufe ( meist reduziert auf Ausbildungsberufe ) abzugleichen. Auf diese Weise wurden so genannte berufliche alternativen als Erfolgshypothesen zur Entscheidungsfindung angeboten. Materialien zur Berufsorientierung von Schulabgängern, die in nennenswertem Umfang von der Bundesagentur für Arbeit kostenlos zur Verfügung gestellt werden, bieten Berufswählern diese Strategie zur Berufsfindung weiterhin an. Typische Beispiele sind die Berufswahlprogramme "mach´s richtig" und "INTERESSE : BERUF" die auch im Internet zur Verfügung stehen. Für immer mehr Jugendliche erweist sich diese Berufswahlstrategie aber als wenig erfolgreich. Müssen sie doch spätestens bei ihren Realisierungsbemühungen feststellen, dass die zu ihren Interessen und Fähigkeiten passenden Berufe nicht in der erforderlichen Größenordnung vorhanden sind. Das Angebot an Ausbildungsmöglichkeiten in qualitativer und quantitativer Ausprägung orientiert sich eben nicht an den Fähigkeiten und Interessen jugendlicher Berufswähler. Das konkrete Angebot betrieblicher Berufsausbildung ist das Ergebnis mikroökonomischer Interessen und Entscheidungsprozesse in den Wirtschafts-betrieben. Anhänger der "Allokationstheorie" vertreten deshalb auch die Auffassung, Berufswahl sei "kaum ein Prozess des Wählens und Entscheiden, sondern ein Prozess der Zuweisung". (zitiert aus: "Handbuch der Berufswahlvorbereitung"; Bundesanstalt für Arbeit 1992) Sie weisen darauf hin, dass die an betrieblichen Interessen orientierte Struktur der dualen Berufsbildungsangebote die Einmündung von Jugendlichen in die Berufs- und Arbeitswelt in erheblichem Maße beeinträchtigt. Hieraus resultiert eine Sozial- und Bildungspolitische Verantwortung zur Korrektur der Verhältnisse, die aber nur unzureichend wahrgenommen wird. Das tragische Viereck Die Ausgangslage jugendlicher Berufswähler ist durch vier wesentliche Faktoren beeinflusst. Sie sind konfrontiert mit: 1. einem dramatischen Rückgang an betrieblichen Ausbildungsangeboten (siehe Grafik) seit 1985 2. steigenden Anforderungen in den verbleibenden, angebotenen Ausbildungs- berufen, sowie den steigenden Erwartungen der Ausbildungsanbieter (siehe Beispielhaft auch die Neuordnung der Metall- und Elektroberufe) 3. einem Rückgang der Beschäftigung, ( Siehe Schaubild des Statistischen .Bundesamtes) sowie einer damit einher gehenden Verlagerung hin zu so genannten prekären Beschäftigungen, bei gleichzeitiger Zunahme der ""Überzähligen" (siehe Robert Castel: "Die Metamorphosen der sozialen Frage"; Konstanz 2000) 4. Verlust an Leistungsfähigkeit des allgemeinbildenden Schulsystems
In diesem Dilemma befindet sich der jugendliche Berufswähler mit seiner persönlichen Disposition. Es stellt sich die Frage, wie junge Menschen angesichts dieser Konstellation, und angesichts der an die heranwachsende Generation gerichteten Forderungen nach Übernahme von mehr Eigenverantwortlich für alle Lebensbereiche ihre Berufswahl erfolgreich gestalten sollen. Castel formuliert die Frage so: "Wie soll man sich in solchen Situationen einrichten und … einen Lebensentwurf verankern? ( a.a.Ort Seite 358 ) …
Krisensymptome Die für Berufswähler skizzierte aktuelle Mangellage, die durch die oben genannten vier Einflussfaktoren gekennzeichnet ist, trägt alle Merkmale einer Krise. Nach Margret Dross (Krisenintervention; Göttingen 2001; Seite 10) ist immer dann von einer Krise zu sprechen, wenn: - "ein Zustand psychischer Belastung eingetreten ist, der sich deutlich von der Normalbefindlichkeit …abhebt, …und zu einer emotionalen Destabilisierung führt. - die widerfahrenen Erlebnisse und Ereignisse die bisherigen Lebensgewohnheiten und umstände und die Ziele massiv infrage stellen oder unmöglich machen, - die veränderte Situation nach Lösungen verlangt, die aber mit den bisher verfügbaren oder selbstverständlichen Möglichkeiten der Problemlösung oder Anpassung nicht bewältigt werden können." In den Beratungsgesprächen mit jugendlichen Berufswählern wird deren emotionale Belastung und psychische Destabilität angesichts der fast aussichtslos erscheinenden Lage zum Berufsstart zunehmend deutlich. Enttäuschungen aufgrund permanenter Absagen nach Bewerbungsaktivitäten, Hoffnungslosigkeit ("wo kann ich mich denn eigentlich noch bewerben, ich habe schon alles versucht") und Resignation,( ich weiß nicht was ich noch machen soll") aber auch Wut über die Passivität staatlicher Institutionen werden verbal geäußert. Oft können selbst junge Männer ihre Tränen nur mühsam verbergen. Hält nun diese Phase des Misserfolges und der Ausweglosigkeit an, "kann es zu einem Verharren in der Vermeidung kommen" (Dross; a.a.O. Seite 18) Das heißt, die Betroffenen unternehmen nichts mehr, um weitere negative Erlebnisse zu vermeiden, und verschlechtern damit ihre soziale Lage umso mehr. Individuelle Zielverwirklichungen: "einmal einen Beruf ausüben, eigenes Geld verdienen, eine eigene Wohnung haben, auf eigenen Füßen stehen; vielleicht eine eigene Familie gründen" ( Aussagen von Jugendlichen in Beratungsgesprächen), werden infrage gestellt, weil der einzig mögliche Einstiege in eine dafür notwendige Basis über eine Berufsausbildung unmöglich wird. Sie erleben hautnah, dass die ihnen zur Verfügung stehenden Strategien versagen. So haben sie auf die Faktoren des oben genannten tragischen Vierecks in der Regel keinen direkten Einfluss, aber auch kaum Instrumente um der neuen Lage zu begegnen. Krisenmanagement Wie können betroffene jugendliche Berufswähler nun einen Weg aus der Krise finden? Bei Betrachtung der ursächlichen Faktoren (siehe tragisches Viereck) bleibt zunächst nur die Vorbereitung einer angemessene Reaktion auf die gestiegenen Anforderungen und Erwartungen der Ausbildungs- und Beschäftigungsanbieter. Ansonsten ist weder das konkrete Ausbildungsangebot, noch das Leistungsniveau des Schulsystems durch den Einzelnen direkt beeinflussbar. Gleiches gilt für den allgemeinen Beschäftigungsabbau und der daraus folgenden Ausweitung prekärer Beschäftigungssysteme. Eine mögliche Strategie muss mindestens zwei Lösungsansätze verfolgen, und als Berufswegplan angelegt werden. 1.Individuelle Lösungsstrategien Die individuelle Lösungsstrategie muss sowohl eine kurzfristige, als auch eine langfristige Zielvorstellung enthalten. Sind bereits psychische Gesundheitsstörungen vorhanden, so sind diese zunächst durch Fachkräfte zu behandeln. Hier sollte auch geprüft werden, ob Hilfen nach § 2 SGB IX infrage kommen Je nach Schwere der Erkrankung kann erst nach der Genese, oder parallel eine kurz- und langfristig orientiere Berufswegplanung vorgenommen und realisiert werden. (Siehe dazu: http://www.berufswahlnavigator.de/ Schaltfläche: den Berufsweg planen) Für die Kurzzeitplanung sind alle möglichen beruflichen Alternativen auszuschöpfen. Infrage kommen zum Beispiel: Nachholung fehlender, oder weiterführender Schulabschlüsse; Nutzung von Bildungsangeboten der Volkshochschulen; Freiwilliges soziales oder ökologisches Jahr; Ableistung von Praktika; Ableistung von Zivildienst; Teilnahme an berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahmen der Arbeitsagenturen, eventuell auch vorübergehend die Ausübung eines Jobs; alternative schulische Berufsbildungsgänge an Berufsfachschulen. Langfristig ist an einer Verbesserung der Basisqualifikation zu arbeiten: Erlangung von weiterführenden Bildungsabschlüssen an Abendschulen, Vorbereitungskurse zur Begabtensonderprüfung (Z-Kurs) Fernbildungskurse/ E- Learning / Fernstudium Wahrnehmung von Weiterbildungsangeboten 2. Kollektive Lösungsstrategien Machen wir uns nichts vor: allein mit individuellen Lösungsstrategien sind die Probleme auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt nicht zu lösen. Berufswahl und ihre Realisierung finden ebenso wenig im politikfreien Raum statt, wie die sonstige Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt. Um nachkommenden Generationen den Einstieg ins Berufsleben über eine qualifizierte Berufsausbildung auch langfristig und konjunkturunabhängig zu sichern, sind politische Lösungen notwendig. Das erfordert auch ein stärkeres politisches Engagement der Jugend selbst zur Durchsetzung entsprechender Regelungen. Das kann in den politischen Parteien, in Gewerkschaften aber auch in außerparlamentarischen Gruppen geschehen. Solange der Jugend selbst die politische Motivation zur Veränderung fehlt, werden sie die Rahmenbedingungen nicht zu ihren Gunsten verändern. Anhang: Entwicklung der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland In Tausend Quelle: Statistisches Bundesamt Fachserie 1 /Reihe 4.2.1 Grafik: www.berufswahlnavigator.de
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